Kurische Nehrung


Bei einem Besuch Königsbergs sollte man immer einen Ausflug auf die Kurische Nehrung einplanen.
Eine Nehrung ist ein schmaler, meistens sandiger Landstreifen, der einen flacheren Teil des Meeres vom offenen Wasser abtrennt. Eine Nehrung entsteht durch Sandverdriftung bei der Bildung einer Ausgleichsküste, aufgrund von schräg eintreffenden Wellen (Küstenlängsströmung). In früheren Zeiten nutzte man diese Erscheinung zur Eindeichung. Der vom Meer abgetrennte Teil wird Lagune, Haff oder Bodden genannt und enthält durch den Süßwasserzufluss meistens Brackwasser. Nehrungen können auch Dünen tragen.
Die Kurische Nehrung (russisch Kurschskaja kossa) ist ein 98 km langer Landstreifen (bzw. Halbinsel), von dem heute 52 km zu Litauen und 46 km zu Russland (Oblast Kaliningrad) gehören. Sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Die mit 3,8 km breiteste Stelle befindet sich beim Bulvikio ragas (Bullwikscher Haken), vier Kilometer nordöstlich von Nidden, dem Grenzort des litauischen Teils. Die schmalste liegt bei der Siedlung Lesnoi (Sarkau) am südlichen Ende der Nehrung und ist nur 380 m breit.
Die Nehrung besteht ausschließlich aus Sand mit riesigen Wanderdünen, die in den vergangenen Jahrhunderten, nach der Abholzung in der frühen Neuzeit, immer wieder Ortschaften unter sich begruben. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es dem Düneninspektor Wilhelm Franz Epha, die Dünen zu bepflanzen und zu stabilisieren. Die Große Düne bei Nidden (litauisch Nida), eine der größten Dünen Europas, wird auch die ostpreußische Sahara genannt und wurde als Filmkulisse benutzt.


Die Frauen von Nidden

Die Frauen von Nidden standen am Strand,
Über spähenden Augen die braune Hand,
Und die Boote nahten in wilder Hast,
Schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast.

Die Männer banden die Kähne fest
Und schrien: "Drüben wütet die Pest!
In der Niedrung von Heydekrug bis Schaaken
Gehn die Leute im Trauerlaken!"

Da sprachen die Frauen: "Es hat nicht Not, -
Vor unsrer Türe lauert der Tod,
Jeden Tag, den uns Gott gegeben,
Müssen wir ringen um unser Leben,

Die wandernde Düne ist Leides genug,
Gott wird uns verschonen, der uns schlug!" -
Doch die Pest ist des Nachts gekommen,
mit den Elchen über das Haff geschwommen.

Drei Tage lang, drei Nächte lang,
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.
Am vierten Morgen, schrill und jach,
Ihre Stimme in Leide brach.

Und in dem Dorf, aus Kate und Haus,
Sieben Frauen schritten heraus.
Sie schritten barfuß und tief gebückt
In schwarzen Kleidern bunt bestickt.

Sie klommen die steile Düne hinan,
Schuh und Strümpfe legten sie an,
Und sie sprachen: "Düne, wir sieben
Sind allein noch übrig geblieben.

Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint,
Nicht Sohn noch Enkel, der uns beweint,
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,
Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben. -

Nun, weiße Düne, gib wohl Acht:
Tür und Tor ist dir aufgemacht,
In unsre Stuben wirst du gehn
Herd und Hof und Schober verwehn.

Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.
Sein verödetes Haus sollst du erben,
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben, -
Nur, Mütterchen, komm, uns zu begraben!

Schlage uns still ins Leichentuch,
Du unser Segen, - einst unser Fluch.
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh" -

Und die Düne kam und deckte sie zu.

Agnes Miegel Agnes Miegel

Die Kurische Nehrung ist heute der kleinste aber am meisten besuchte russische Nationalpark.





Die Vogelwarte in Rossitten (heute: Rybatschi) war eine Gründung von Johannes Thienemann im Jahre 1901, unterstützt durch die Deutsche Ornithologische Gesellschaft und die Universität Königsberg, auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen. Ab 1923 gehörte die Vogelwarte zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Ihre Arbeit wurde nach der Evakuierung 1944 durch die Vogelwarte Radolfzell am Bodensee für die Max-Planck-Gesellschaft fortgesetzt. Eine russische Vogelwarte im jetzigen Rybatschi sieht sich in der Nachfolge der deutschen Vogelwarte Rossitten vor Ort.
Der Tierfilmer Heinz Sielmann, der in Königsberg aufgewachsen war, hat im Jahr 2001 500.000 Mark für die Vogelwarte gesammelt. Seine Gattin Inge Sielmann, die Stiftungsratsvorsitzende, setzt die finanzielle Unterstützung der Vogelwarte Rossitten fort (2010). Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hilft.
Die heutige, russische Feldstation "Fringilla" (Buchfink), die sich in der Tradition der alten Vogelwarte sieht, befindet sich etwa 200 m Luftlinie entfernt.





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